|
Berei
gar kaa Minut
Zur
wieder aufgelegten CD „De Zeit gescht vorbei” von der Gruppe „Wind, Sand &
Sterne“ – Ein künstlerisches
Bollwerk gegen primitive Volkstümelei
|
Nein,
ich bereue wirklich keine Minute (freie Übersetzung der Überschrift
für Nicht-Erzgebirger),
in denen ich den Liedern der Gruppe immer und immer wieder gelauscht habe.
Und lauschen muss man ihnen schon. Einmal wegen der
Mundart, in der fast alle Texte zu hören sind,
und zum anderen wegen ihrer ansprechenden und zum Nachdenken anregenden Inhalte.
Und dennoch: es kann dies eine
Scheibe zum mehr oder weniger anstrengenden Hinhören genau so sein, wie
eine musikalisch-literarische Auseinandersetzung mit eigenen
Lebensphasen. Und darüber hinaus ist
die bereits 1999 erschienene und heuer erneut aufgelegte CD nach wie vor
frisch und sehr unterhaltsam im besten Sinne
der Sache. Trotzt solcher Titel wie „De Zeit gecht vorbei“,
„Hektik“ oder „Durch dick un dünn“, die aufgeregtes Tempo suggerieren,
kommen die Lieder allesamt irgendwie
bedachtsam daher. Ob schnell oder langsam vorgetragen, ob laut oder leise,
sie erheben nicht nur einen Anspruch aufs Hinhören, sondern sie haben
ihn auch.
Wie
bereits in ihrer CD „Alte Wurzeln, neie Triebe“ haben sich auch hier die
Mannen um Stefan Gerlach wieder
zu sehr poetischen, feinnervigen und bildhaften Versen verständigt, die
ansprechen und nachklingen. Hier wirkt nichts
aufgesetzt, hineinpoetisiert oder dem Zeitgeschmack bzw.
angeblichen musikalischen Hörgewohnheiten angepasst. Vielmehr sind reife
Lebenserfahrungen von bodenständigen
Leuten in wirklichkeitsnahe Verse und moderne – auch adaptierte - Musik gegossen
worden, die jeden berühren
müssen, der dem Leben und Treiben – insbesondere dem im Erzgebirge
– nicht unkritisch gegenüber steht.
Die
Texte sind weder fatalistisch noch sentimental, dafür aber nachdenklich,
aufmunternd und letztlich überaus
optimistisch. Anrührend auch immer wieder die eingestreute Rückbesinnung
auf tradierte Werte („Dr Musikantengulius“ von
Stephan Dietrich, „Saafnlob“) und persönliche Erfahrungen
mit der erzgebirgischen Heimat (wie etwa in „De Zeit gescht vorbei“ von Stefan
Gerlach). Es soll nicht verschwiegen
werden, dass die Verse der Gruppe insbesondere auch solche Erzgebirger anrühren,
die sich zeitweilig oder für
längere Zeit außerhalb der heimatlichen Berge befinden. „Wiedermol
Derham“ oder „Ade Gungezeit“ sind solche Lieder, wo man eine produktive
Sentimentalität in sich spürt,
wie sie nur selten von anderen Erzgebirgs-Bands vermittelt wird. Es ist wohl
die unaufgesetzte Ehrlichkeit, auch die
unverschleierte Naivität sowie die unbedingte Subjektivität,
die diesen Liedern innewohnt und die somit dafür offene Ohren und Herzen
um so wirkungsvoller erreichen
bzw. dafür noch verschlossene zum Hineinhören anregen. Schließlich
sind die meisten der 15 Titel Liebeslieder. Solche an die nahe oder ferne
Geliebte, an die Heimat sowieso,
mitunter auch an das eigene Ich („Anonym“) oder eben auch nur ans „Spackfett“.
Auf dieser CD wird der relativ enge
Heimatbegriff um eine große, heitere und auch ernste Dimension
von der Liebe erweitert. Und das hauptsächlich in Mundart! Bis auf drei
Ausnahmen, die von Thorsten
Reuter in Hochdeutsch beigesteuert werden und durchaus die Frage nach dem
Warum provozieren. Ob damit auch solche Hörer angesprochen
werden sollen, die dem Erzgbirgischen
in seinen hier gebotenen verschiedenen Schattierungen nicht mächtig sind,
oder ob es sich nur um Füller handelt, - man
kann damit in diesem ansonsten streng eingehalten Folklorerahmen
nicht allzu viel anfangen. Da aber alle drei Lieder nicht hinter dem Niveau
der anderen zurück bleiben, stören sie auch weiter nicht...
Dass
Stefan Gerlach ein Meister seines Fachs ist, muss nicht erneut betont
werden. Die meisten Titel sind von
ihm getextet, komponiert oder arrangiert. Sein Gespür, äußere
Anlässe mit der gebührenden Innerlichkeit poetisch und
musikalisch zu verbinden, bescheinigen
ihm sein ausgemachtes Talent für dieses Genre. Schade, dass Christoph
Rottloff auf dieser CD nur mit zwei Titeln
vertreten ist, die haben es aber dann auch in sich: Kurz und
bündig warnt er hier singend im „Schlipsnodlmanne“ (Schlipsnadelmänner)
- offenbar aus eigenen Erfahrungen
- vor gewissen Versicherungsvertretern und zeigt, wie „Hektik“ zu Kulturverlusten
im persönlichen Leben beitragen kann. Rottloff ist es schließlich
auch, der bei vielen Einspielungen
als einfühlsamer Ideengeber und musikalischer Inspirator fungiert. Und
mit seiner virtuos gespielten Konzertina verleiht er
vielen der Titel ihren einmaligen Sound, und damit
der gesamten Truppe ihren niveauvollen Nach-Klang. Ausgelassen servieren
uns schließlich – quasi als
Dauerleihgabe von der befreundeten Gruppe „Schluckauf“ - Martin und Maria
Ruppert – neben dem launigen „Bimmelbah-Blues“ - ihr „Spackfett mit viel
Salz – Gott erhalts!“
Gott
erhalte – kann hier auch jeder Atheist getrost ausrufen - die muntere und
gescheit aufspielende Folk-Gruppe
„Wind, Sand & Sterne“. Sie hat sich weit über das Erzgebirge hinaus
mit ihren neuen-alten, urwüchsigen, knorrigen und
frischen, stabil verwurzelten musikalischen Trieben
in die Herzen und Hirne Tausender von Freunden unverfälschter und dennoch
moderner Volksmusik gesungen
und gespielt. Bei „Wind, Sand & Sterne“ handelte es sich um eines der
markanten künstlerischen Bollwerke gegen die primitiven Volkstümeleien,
wie sie unser gebeuteltes Erzgebirge
in anderer Weise allerorten erschüttern.
Deshalb
gilt für jeden wirklich heimatverbundenen Erzgebirger in nah und fern:
Dort wo dieses Jahr keine CD
der Truppe unterm Tannenbaum angetroffen wird, dürfte ein trauriges Weihnachtsfest
ins Haus stehen...
Prof.
Gotthard B. Schicker
Budapest/Annaberg, Oktober 2005
|